Rainer Brem
früher Landshut / Niederbayern - jetzt Marienhafe / Ostfriesland
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Die Archäologie hat durch Funde bei Grabungen in und um Marienhafe ziemlich eindeutig festgestellt, daß sich dort erstmalig Siedler zwischen 700 und 800 nach Christus niedergelassen haben.
Zu einer urkundlichen Erwähnung kommt es aber erst im Jahre 1251 mit der Probstei "Brokmenia", möglich geworden durch den festen Bau der "Marienkirche". Es ist wahrscheinlich, daß auf dem Hügel des heutigen Friedhofes vorher schon eine "Marienkirche" aus Holz stand.
Weitere 173 Jahre später, im Jahre 1424, erhält der Marktflecken "Marienhoff", also das Umfeld oder der Hof der "Marienkirche" durch einen Schiedsspruch der Stadt Bremen seine Eigenständigkeit.
Die Zeit zwischen Gründung der Probstei 1251 und der Eigenständigkeit des Ortes 1424 zeichnet sich durch einen kontinuierlichen wirtschaftlichen Aufschwung aus.
Zunächst entwickelte sich ein namhafter Handelsplatz für die Region zwischen Aurich, Emden und Norden.

1840 malte R. I. Meyer die Marienkirche, allerdings noch in der Form, wie sie vor dem Rückbau 1829 aussah.
Dann begünstigten ausgerechnet zwei verheerende Sturmfluten 1374 und 1377 einen für die damalige Zeit gigantischen Aufschwung des Marktfleckens. Marienhafe wurde wegen seiner geologisch günstigen Lage mit etwa 4 Meter über dem Meeresspiegel, durch die Überschwemmungen zu einem, wenn auch nicht leicht erreichbaren Seehafen, und damit zu einem wichtigen "internationalen" Handelsplatz mit Verbindung auf dem Wasserweg bis ins Münsterland.
Zum Ende des 14. Jahrhunderts fanden die "Vitalienbrüder" unter der Führung von Claas Störtebeker den Weg in den Hafen von Marienhafe, freundeten sich mit den Häuptlingen der Region an, indem sie bei den durchaus gewaltsamen Auseinandersetzungen der irgendwie immer verfeindeten Häuptlingsfamilien Hilfe leisteten, was zumindest der Familie "tom Brok", Herrscher über das Brokmerland, bis etwa 1400 zu großer Macht verhalf.
Um ungefährdet auch bei Niedrigwasser durch die Untiefen der küstennahen Nordsee nach Marienhafe zu kommen, wußten die "Vitalienbrüder" den weithin sichtbaren Riesenbau der Marienkirche zu nutzen. Es gilt als sicher, daß die "Seeräuber" um Störtebeker Kupfer und Schiefer "beschafften", um die Dächer der Kirche unterschiedlich einzudecken. Die südlichen Seiten von Mittelschiff und Kreuzbau mit Schiefer (altdeutsch "Ley") und die nördliche Seite mit Kupfer (friesisch "Kuiper"). So wurde die Kirche durch die unterschiedliche farbliche Ansicht ihres Daches zu einem Tagesseezeichen, mit dessen Hilfe die Navigation für eingeweihte Schiffsführer durch das Watt zwischen Leybucht (Schieferseite), Kuipersand (Kupferseite) und die durch die Sturmfluten freigespülten Flächen der Hochmoore um Marienhafe bei jeder Wassertiefe möglich wurde.
Durch die ausdrückliche Genehmigung "Widzel tom Brok's", den Hafen zu nutzen, gelang es den Liekedeelern lange, sich dem Zugriff der "Hanse" nach Raubzügen in der Nordsee zu entziehen, was die "Pfeffersäcke" der "Hanse" - so wurden die Kaufleute damals ironischerweise genannt - gar nicht gut fanden. Sie versuchten deshalb auch mehrfach - allerdings erfolglos - Marienhafe zu zerstören.

Ocko tom Brok wird 1427 nach der Schlacht auf den "Wilden Äckern" nahe Marienhafe gefangen und an Focko Ukena ausgeliefert, um in Aurich eine Haft anzutreten, aus der er allerdings nach 4 Jahren wieder entfliehen konnte. Auslieferung, als Ölgemälde im Jahre1803 von Tjarko Meyer Cramer gemalt (Ausschnitt).
Im Leben Marienhafes spielte die wehrhafte Marienkirche immer wieder eine entscheidende Rolle.
Dieses Wahrzeichen des Maktfleckens wurde wahrscheinlich ab 1230 erbaut. Die dazu notwendigen Steine kamen mit kleinen, flachgehenden Schiffen nach Marienhafe. Hochseefähige Schiffe konnten zu der Zeit wegen ihres Tiefganges noch nicht bis zu dieser Großbaustelle fahren.
Fast 4 Jahrhunderte lang war die Marienkirche dann Mittelpunkt und Zufluchtsort des Brokmerlandes.
1829 mußten wegen akuter Einsturzgefahr und fehlender finanzieller Mittel der komplette Kreuzbau der Kirche entfernt werden sodaß nur das Mittelschiff stehen blieb. Auch der Turm wurde um zwei Etagen abgetragen. In ihren ursprünglichen Ausmaßen war sie 72 m lang und der Turm war einschließlich Spitze ebenfalls 72 m hoch. Durch den Rückbau wurde der umbaute Raum etwa halbiert.
Dennoch hat sie auch heute noch enorme Ausmaße. Ein Besuch der Kirche mit einigen verbliebenen Sandsteinfiguren aus der Zeit vor dem Rückbau; der 1710 bis 1713 von Gerhard von Holy gebauten Orgel mit ihrem zum größten Teil im Original erhaltenen Pfeifenwerk; der sogenannten "Störtebeker- Kammer", die ein Kirchenmuseum beinhaltet und eine Besteigung durch die engen Wendeltreppen vorbei am imposanten Glockenspiel auf die Aussichtsplattform hat ihren ganz besonderen Reiz und belohnt den Aufstieg mit einem Blick bei gutem Wetter über das weite Land bis zur Seehafenstadt Emden im Süden und der Stadt Norden im Nordwesten, ja sogar bei entsprechender Wetterlage bis zu den vorgelagerten Inseln Juist, Norderney und Baltrum
Bedeutung des Wappens
von Marienhafe
Der obere Teil des Wappens zeigt den Adler des Wappens der Häuptlings-Familie "tom Brook". Im unteren Teil finden sich die zwei Becher aus dem Wappen von Claas Störtebeker (Stürz den Becher). Von 1396 bis 1400 war Marienhafe ein Zufluchtsort der "Vitalienbrüder", Seeräuber, deren Anführer Claas Störtebeker war. Der Anker steht für den freien Zugang zum Hafen soweit die Familie "tom Brook" dem zustimmte.
Aquarell von dem Maler H. A. von Lengen aus Norden, wahrscheinlich zwischen 1822 und 1826 farbig gemalt.
Der alte Bahnhof in Marienhafe um 1890 von J. E. Ahlrichs gemalt.
Luftaufnahme von Marienhafe etwa um 1930, noch immer ohne Spitze und Uhr am Turm.
Luftaufnahme aus der Zeit um 1937, schon mit Spitze auf dem Turm, aber noch ohne Uhr.
Blick auf Marienhafe über den Bahnkolken Anfang der 40er Jahre, immer noch ohne Uhr am Störtebekerturm.
Marienhafe etwa um 1960. Die Uhrzeit ist jetzt für alle am Störtebekerturm ablesbar.
Marktplatz, Schule und Marienkirche in Marienhafe in der Mitte der 60er Jahre. Die Uhr zeigt nun in alle Himmelsrichtungen.
Der traditionelle Wochenmarkt auf dem Marktplatz in Marienhafe im Sommer 1973.
Eine Luftaufnahme aus etwa 2000 auf den nun ganz begrünten Marktplatz, renovierter Marienkirche, rotem Straßenpflaster im Ortskern und ohne Durchgangsverkehr.
750 Jahre Marienkirche zu
Marienhafe im Wandel der Zeit
von 1251 bis 2000
Postkarte aus der Zeit um 1953 - der Bummert im Vordergrund musste 1972 dem Rathaus weichen.
Teilweise eingestürzte Marienkirche vor der Verkleinerung 1829, Stahlstich von Rudolf nach Rohbock.
Störtebekerturm um 1911 noch ohne Uhr und Spitze von der Bahn aus gesehen.
Immer wieder ein beliebtes Objekt für künstler, der gewaltige "Störtebekerturm" zu Marienhafe, hier ein Holzschnitt von Alf Depser (1899-1990), nach Skizzen von etwa 1940.
Marienhafe im Jahre 1962. Ansicht die Marktstraße hinauf zur Marienkirche.
Marienkirche 1990 mit neu gepflanzten Bäumen an der Friedhofsmauer zum Marktplatz, der aber noch nicht mit den roten Ziegelsteinen gepflastert ist.